Brandenburgs Ministerin Dr. Manja Schüle im Interview über die Hightech-Uni BTU inmitten des Zukunftslabors Lausitz.

Ministerin Schüle: „Wir arbeiten aktiv am Zukunftslabor Lausitz“

Acht Tage nach ihrem Amtsantritt im November des Vorjahres widmete sie der BTU Cottbus- Senftenberg ihren ersten Antrittsbesuch: Brandenburgs Wissenschafts- und Kulturministerin Manja Schüle sieht die BTU als Hightech-Uni, die Lausitz als Zukunftslabor. Dieser Sichtweise geht das folgende Interview auf den Grund:

Mitte Mai fand unter dem Eindruck der Corona- Pandemie der erste Brandenburger Hochschul-Hackathon statt – es ging um Ideen für die digitale Hochschullehre, wie lautet Ihr erstes Fazit?

Der Hochschul-Hackathon ist sensationell gelaufen. Für mich war es das erste Mal, dass ich einen Hackathon so intensiv begleitet habe. Ein Wochenende lang forschten Studierende und Lehrende aller Hochschulen des Landes in verschiedenen Online-Konferenzen an Problemstellungen, die digitales Lehren, Lernen und Leben mit sich bringen. Von unterschiedlichsten Orten und über verschiedenste Fachrichtungen hinweg wurde in insgesamt sieben Challenges getüftelt. Es war spannend zu sehen, wie konstruktiv die Beteiligten – Organisatoren, StudentInnen, ProfessorInnen, externe Experten, Moderatoren und auch Interessierte – zusammen agierten.

Welche der sieben Challenges haben Sie besonders interessiert?

Besonders beeindruckt hat mich die Idee einer digitalen Immatrikulationsbescheinigung. Das wäre eine Lösung, die den Arbeitsalltag von Hochschulen und Studierenden vereinfachen kann. Ein Vorteil: Die Bescheinigung kann griffbereit digital im Handy gespeichert werden. Spannend fand ich auch die Projekte, in denen es um die digitale soziale Vernetzung zwischen Studierenden ging.

Sie brachten Ende April ein Sofortprogramm mit einer Millionenförderung für digitale Hochschullehre in Brandenburg auf den Weg. Folgt der Einsatz dieser Fördermittel nun den Erkenntnissen aus dem Hackathon?

Wir haben schon im Vorfeld bei unseren täglichen Konferenzen mit den Hochschulpräsidenten abgefragt, was die Hochschulen in Sachen digitale Strukturen, Softwarelizenzen usw. benötigen. Dieses Digitalpaket entstand daher schon parallel zu den Vorbereitungen des Hackathons in Abstimmung mit unseren Hochschulen. Die Vergabe der Gelder folgt einem Antragsverfahren, in dem die Hochschulen selbst vorschlagen, wofür sie die Fördermittel strategisch einsetzen wollen. Wir schütten nicht pauschal nach Standort, Studierendenzahl oder Anzahl der Professoren aus, sondern wollen gezielt gute Ideen für Supportstrukturen und digitale Lernformate unterstützen. Dabei haben bereits alle Hochschulen, auch die BTU, ihren Hut in den Ring geworfen.

Die Hochschulen in Brandenburg sind – abgesehen von der Landeshauptstadt Potsdam – eher ländlich geprägt. Sind sie beim Bewältigen der aktuellen Corona-Probleme im Vergleich zu den überlaufenen Großstadtunis im Vorteil?

Ganz klar. Die Brandenburger Hochschul-Präsidentinnen und Präsidenten konnten mir in unseren Konferenzen sehr schnell und präzise sagen, wo ihre Probleme liegen – und das für alle ihre Fachrichtungen und Bereiche. Auch der herausragende Betreuungsschlüssel, beispielsweise an der BTU, ist ein großer Vorteil von Hochschulen mit kleinen Strukturen. Das bestätigen aktuelle Rankings, in denen beispielsweise die BTU in diesem Bereich sehr weit vorn zu finden ist.

Sie sind seit gut fünf Monaten für die Wissenschaft und Forschung im Land Brandenburg zuständig, wie würden Sie deren Zustand in der Lausitz beschreiben?

Die Lausitz ist derzeit einer unserer großen Hoffnungsträger. Wenn man sich anschaut, was in der Lausitz aktuell an modernen und innovativen Forschungsinfrastrukturen entsteht, dann erkennt man die großen Chancen im Zuge der Strukturentwicklung. Forschung und Wissenschaft erhalten einen völlig neuen Stellenwert in der Region. Aktuelle Beispiele sind am Cottbuser Standort das Fraunhofer-Institut für Infrastruktur und Geothermie und das DLR-Institut für CO2-arme Industrieprozesse, deren Direktoren der Region exzellente Bedingungen bescheinigen. An der Etablierung eines zweiten DLR-Instituts für emissionsarme Luftfahrtantriebe wird eifrig gearbeitet. Mit diesen neuen Forschungsinstituten ist ein enormes Entwicklungspotenzial verbunden, insbesondere in der Nutzung von Strom aus erneuerbaren Energien mit deutlich höheren Wirkungsgraden als auf der Basis bisheriger emissionsarmer Technologien. Weiterer Vorteil: Die Einrichtungen bieten die Möglichkeit, Arbeitsplätze in der Region zu erhalten und neue zu schaffen. Sie sind von großer strategischer Bedeutung für das Land Brandenburg und tragen wesentlich zur Weiterentwicklung der Lausitz bei. Dieses Umfeld generiert neue Perspektiven für Studierende und Absolventen, denn diese Institute stellen aktuell auch neue Fachkräfte ein.

In der Lausitz hört man oft Unmut über Entscheidungen aus Potsdam – erst die Fusion der Hochschulen, dann einbrechende Studierendenzahlen und stets die chronische Unterfinanzierung der BTU – glauben Sie, man jammert hier nur auf hohem Niveau?

Ich möchte keine rückwärtsgewandten Debatten führen – ich konzentriere mich lieber auf das Hier und Jetzt. In meinem Ministerium arbeitet derzeit ein erheblicher Anteil der Mitarbeiter mit Hochdruck für die Lausitz. Die vielfältigen Projekte reichen von der Anbindung außeruniversitärer Forschung über die Vernetzung von Akteuren im Bereich der Wissenschaft, Wirtschaft und Kultur bis hin zum Lausitz-Festival. Wir arbeiten aktiv am „Zukunftslabor Lausitz“. Hier können Lösungen, Strukturen und Innovationen entstehen, die weit über Brandenburg hinaus für ganz Deutschland von Bedeutung sind.

Womit sollte die BTU Ihres Erachtens mehr wuchern?

Da muss man nur einen Blick auf das aktuelle CHE-Hochschulranking werfen. Hier landete die BTU aufgrund der vorbildlichen Studienvorbereitung mit dem College, der persönlichen Lernatmosphäre sowie vielfältigen guten dualen Studienangeboten bundesweit auf den vorderen Plätzen. Das sind klare Vorzüge, die man nach außen sicher noch besser ins Schaufenster stellen kann. Zudem hat die BTU mit vielen Wissenstransferprojekten beste Voraussetzungen, den Begriff des Transfers völlig neu zu besetzen. Hier wird nicht nur Wissenschaft betrieben, die Erkenntnisse landen unmittelbar im Markt. Ein innovatives Beispiel für die Verzahnung von BTU-Wissenschaftlern und ansässigen Unternehmen ist das 3DLAB. Mit diesem Labor können künftig alle Prozessschritte des 3D-Drucks erforscht werden, um beispielsweise ultraleichte Bauteile für die Luftfahrt oder Ersatzteile für unterschiedliche Industriezweige herzustellen. Das ruft natürlich international agierende Unternehmen der Luftfahrtindustrie wie Siemens, Airbus, Gefertec, Rolls-Royce oder Apworks auf den Plan. Dieser Wissenstransfer in Firmen der Region und in alle Welt macht eine erfolgreiche Hochschule aus.

Die BTU ist seit eineinhalb Jahren ohne regulären Präsidenten, zum Frühjahr ging mit Frau Prof. Salchert eine Vizepräsidentin, Prof. Koziol als zweiter Vize wechselt im Sommer in den Ruhestand – sehen Sie es als Problem, wenn eine Hochschule in stürmischen Zeiten fast die gesamte Führungsmannschaft verliert?

Christiane Hipp ist kommissarisch als Präsidentin im Amt, sie macht meines Erachtens mit ihrem Team einen klasse Job. Die BTU ist unter ihrer Regie nicht nur ein sehr verlässlicher Partner, sondern hat auch an Kontur gewonnen. Das ändert aber nichts daran, dass die Präsidentschaft der BTU zeitnah zu regeln ist. Die Findungskommission, in der ja auch das Ministerium vertreten ist, hat ihre Arbeit gemacht. Jetzt ist der Senat am Zug. Ich gehe davon aus, dass die Wahl noch innerhalb des Sommersemesters 2020 vollzogen werden kann.

An der BTU wird immer mehr von Hightech und KI gesprochen – ist die Lausitz der richtige Ort für eine Hightech-Uni?

In der Lausitz sind Hochschule wie Wirtschaft technisch geprägt. Hightech hat vordergründig mit Technik zu tun. Mir erscheint es selbstverständlich, dass sich die BTU im Bereich der Spitzentechnologie breit aufstellt und diese mit ihrem traditionellen Ingenieursbereich verbindet. Wenn BTU und Lausitz als Zukunftslabor ganz vorne mitspielen wollen, dann dürfen Megatrends wie zum Beispiel das autonome Fahren – zu dem es bereits Anknüpfungspunkte an der Hochschule gibt – nicht am Wegesrand liegen gelassen werden. Also ja, die Lausitz ist der richtige Ort, mit Blick auf die Chancen als Innovationsregion erst recht. Im Übrigen sehe ich bei der BTU auch im Bereich Künstliche Intelligenz sehr viel Potenzial, das weiter ausgebaut werden kann. Dafür werden derzeit entsprechende Projekte auf den Weg gebracht, wie beispielsweise das Lausitzer Zentrum für Künstliche Intelligenz.

An der BTU siedelt sich im Zuge der Strukturentwicklung ein Institut nach dem anderen an, viele von ihnen benötigen Drittmittel – wie sichern Sie ab, dass dennoch Synergie statt Konkurrenz beispielsweise zu bestehenden BTU-Lehrstühlen die Folge ist?

Zuallererst ist das eine riesige Chance. Ich sehe keinen anderen Standort in Deutschland, an dem sich im Wissenschaftsbereich so viel tut. Und natürlich würden sich andere Hochschulen wünschen, so hochkarätige Forschungseinrichtungen in ihrem Umfeld zu haben. Dass außeruniversitäre Institute und bestehende Wissenschaftsstrukturen in ähnliche Richtungen forschen oder zumindest Überschneidungen haben, halte ich für unverzichtbar. Es wäre ganz im Gegenteil kontraproduktiv, wenn sich Institute ansiedeln, die völlig unverbunden mit der wissenschaftlichen Infrastruktur sind. Diese würden eher als Fremdkörper wahrgenommen werden und vermutlich auch so agieren. Tatsächlich haben Teile der angesiedelten Institute sogar gemeinsame Berufungen mit der BTU umgesetzt. Im Übrigen findet im Vorfeld von Gründungen ein reger Wissens- und Abstimmungsaustausch zwischen Instituten statt, um gerade zu vermeiden, dass Doppelstrukturen entstehen. Richtig ist, dass ein Run auf Drittmittel erfolgen wird. Diese werden im Wettbewerb vergeben, indem sich die besten Projektanträge durchsetzen werden. Dies kann der Strukturentwicklung in der Lausitz aber nur guttun. Denn was auf diesem von Gemeinsamkeit geprägten Weg in der Lausitz geschieht, bringt sie dem Status als Zukunftsregion Stück für Stück näher.

In der Lausitzer Hochschullandschaft ist viel in Bewegung, Hoyerswerda soll einen IT-Campus bekommen, Cottbus eine Universitätsmedizin – was bedeutet das für die BTU? Steht ihr ein Kampf um Köpfe bevor oder gewinnt sie durch die Aufwertung des Umfelds?

In der Gesamtheit betrachtet, entwickelt sich die Lausitz zu einer unheimlich spannenden Region. Sie ist geprägt von Veränderungen und vielfältigen Chancen zum Mitgestalten. Wo gibt es das sonst noch? Sie zählt damit zu den Regionen, für die sich Studierende, Wissenschaftler und Forscher ganz bewusst entscheiden. Wo sich Neues entwickelt, wo man merkt, dass etwas in Bewegung ist, wo etwas neu aufgebaut wird, wo man eine exzellente Infrastruktur vorfindet, da entfaltet sich eine Sogwirkung. Das künftige Spektrum der Lausitz reicht mit unterschiedlichen universitären Bereichen von der Universitätsmedizin bis hin zur Energieversorgung der Zukunft. Viele Themen bringen wiederum viele qualifizierte Fachkräfte hervor, die die Wirtschaft der Region stärken. Daraus kann die Lausitz als Zukunftslabor einen enormen Mehrwert ziehen. Sie wird aber auch zur dynamischen, innovativen Hochschulregion. Und die BTU wird als Hightech-Standort attraktiv und enorm gestärkt. Meines Erachtens wandelt sich die Lausitz für junge, kreative Köpfe sogar im bundesweiten Maßstab zu einer der spannendsten Regionen der nächsten Jahre.

Wie würden Sie jungen Menschen ein Studium in der Lausitz schmackhaft machen?

Da will ich den Bogen vom Geografischen über das Kulturelle und Wissenschaftliche bis hin zur Zukunftsperspektive schlagen. Geografisch ist die Lausitz eine spannende und länderübergreifende Grenzregion, die über einen immensen Reichtum an Natur- und Industrielandschaften verfügt. Man ist bestens an attraktive urbane Räume wie Berlin und Dresden angebunden. Kulturell ist das Angebot mit vielfältiger Hoch- und auch Soziokultur überraschend vielseitig, bis hin zu einer facettenreichen Subkultur. Und, ganz wichtig: Wissenschaftlich ist man hier bestens aufgehoben – man ist nicht Matrikelnummer 5.283, sondern wird über das vom Stifterverband ausgezeichnete College exzellent betreut, hat sehr gute Studienbedingungen, ein spannendes Studienangebot und einen engen Austausch mit den Lehrenden. Man ist Teil einer Hochschule, an der viel in Bewegung ist und die selbst in einer sich dynamisch wandelnden Region viel bewegt. Es gibt viele gute Argumente, ein Studium in der Lausitz aufzunehmen!

Unser Hochschulmagazin erscheint dank Corona erstmals auch als digitale Version – wenn wir abschließend Ihre drei liebsten Seiten im Web verlinken dürfen, was empfehlen Sie?

Da fällt mir die Wahl nicht schwer: Empfehlen würde ich #kulturBB unter www.kultur-bb.digital, hier rückt die Kultur unseres Landes digital zusammen und wird für alle erlebbar. Unter www.hochschul-hackathon-bb.de können Studierende und Studieninteressenten die Ergebnisse unserer digitalen Ideenwerkstatt zur künftigen Hochschullehre im Land Brandenburg einsehen, hier wird es sicher auch künftig weitere Mitmachformate geben. Gerade jungen Brandenburgern würde ich mit www.studieren-in-brandenburg.de das vielfältige und überraschende Angebot unserer Brandenburger Hochschulen ans Herz legen.